Timeout

Ich fühle mich seltsam abgelöst von der Pappe, die mir noch zwischen den Zähnen steckt und die 'Alltag' heißt. Und doch klebe ich hier, ein teigiges Etwas, das nicht aus seiner Haut kann. (Am Rande bemerkt: Haut oder nicht, es ist viel zu warm.)

Die Langweile nagt an mir und das macht die Situation nicht besser. "Ja, wir kümmern uns endlich darum", haben sie gesagt, gleich dreimal innerhalb kurzer Zeit und mit einem Mal habe ich wieder Geduld, Geduld, die nun wieder langsam, Korn für Korn, zur Neige gehen kann.
Ich wäre kein guter Leuchtturmwärter, zumindest nicht auf eine unbestimmte Anzahl von Jahren und Tagen.

Ich habe Zeit, aber ich habe nicht alle Zeit der Welt.

Das fahle Grau lächelt fein und wartet, das kann es. Es lächelt mit den freundlichen braunen großen Augen des Raubtiers, das mich diese Tage wieder aus dem Spiegel heraus anblickt, es lächelt und es gibt nur vor, dass es nur stumpfe Zähne hinter diesen Lippen verbirgt. Auch dem Raubtier bleibt nichts anderes als weiter seine Kreise jenseits der Linien, die seine Welt begrenzen, abzuschreiten, im Genick die vage Unruhe eines dräuenden Abgrunds.

Da draußen wären vielleicht mehr Leute, auch wenn sie unglaublich anders und normal sind, aber wozu ausbrechen, wenn alles weitere nur Unsicherheit ist.

Über unbekannte Städte schreiben

Es ist schwierig, sich ein Bild von Orten zu machen, an denen man noch nie war, außer vielleicht kurz, mit dem Zug ein-zweimal durchgefahren, kurz ein dröges Bahnhofssandwich, dann weiter, weiter.
Aus vielen Informationen und ebenso vielen Bildern erwächst kein Gefühl für eine Stadt, selbst bei einer Metropole, die so viele Städte beinhaltet wie Berlin. Nicht nur die olfaktorische und akustische Überforderung fällt weg, wenn man sich mit den vielen Bildern begnügen will, sondern auch der eigene Blick, die eigene Perspektive. Erfahrungen, die man erst macht, wenn man dort gewesen ist.


Bielefeld

Ein unbeschriebenes Blatt schleift über den Asphalt.
Die Ahnung von Schienen und von Metall auf Metall,
tagein, tagaus.
Gewachsene Steine und Strukturen, innig ineinander
verkeilt - irgendwo dazwischen: Menschen.
(Glaube ich zumindest.)

Sie sagen, dass es diese Stadt nicht gibt.


Bei jeder anderen Stadt wäre die Ernüchterung bei der Konfrontation des Textes mit der Realität vermutlich groß - da es Bielefeld aber nach wie vor nicht gibt, ist es zunächst eine herrliche Projektionsfläche für das eigene Stadtgefühl.

Altes und neues, Vormitternachtsausgabe

Mein Abend verlief anders als erwartet oder geplant und das war angenehm.
Diskussionen über eine Mafia von verschiedenen Umzugsorganisationsfamilien, die sich gegenseitig die Möbel rauben ("Das sind wirklich schöne antike Möbel, die Sie da haben, wäre doch schade, wenn sie Ihnen verlorengehen sollten ...1), die Farben von phantastischer und Science-Fiction-Literatur und das Weitergeben, Konservieren und Sammeln von Wissen am Beispiel von Schnittmustern, Service-Anleitungen und Lyrik sind etwas, die einen viel zu warmen Tag in einem Bistro sitzend ungemein zu bereichern vermögen.
Zuvor Massen von Menschen, die zum Klang einer Trommel von einem Ort weg und nach einigen Kilometern wieder dorthin zurück laufen. Ja, wo laufen sie denn2 ...
Aber da sitzen wir und reden.

Nach wenigen Stunden trennen wir uns am Bahnhof wieder. Und ich laufe zurück, den Kopf voll mit warmer, feuchter Sommerabendluft. "Lau" ist anders, aber trotzdem - dieses ist das erste Jahr, in dem ich warme Sommerabende herbeigesehnt habe.

Nacht in einem Wohngebiet3

Alles ist für einen Augenblick wieder im Gleichgewicht.

Und dann ein vertrautes Gesicht, und der Rhythmus dieses Tages, der mich eben noch umfangen hat, gerät für einen Augenblick ins Stocken. Noch vor Sekunden war meine Wahrnehmung eine andere und mit einem Mal bekommen die Dinge Kanten und Ecken, Details werden sehr konkret und der warme Dunst der Sommernacht verfängt nicht mehr.
Für den Augenblick, dann löst sich der Eindruck, der die Welt wie in Glas gegossen erscheinen lässt, wieder auf. Und die Zeit schreitet unbeirrt weiter.
In der Ferne das Licht der neuen Lampen im Wohnzimmer, auf den letzten Schritten Musik.
Wie wenig es braucht, um mich aus dem Konzept zu bringen.

  1. "Die ungeschriebenen Chroniken der Berliner Möbel-Mafia", Band 2, S.73

  2. Ja, dieser Loriot.

  3. Eigentlich ist dieses Bild von gestern.

Ein Sommertag.

Zu viele Überstunden und zwischen den Spalten der automatischen Rollläden die trügerische Verheißung eines gleißenden Leuchtens auf dem Asphalt des Parkplatzes. Ich verbrenne mich fast an der Mittagssonne, die Schatten fallen scharf abgetrennt auf das teils nachlässig gemähte Gras.
Abends laufe ich durch die Straßen dieser Stadt, die nicht meine Stadt ist und sich doch ein Stück weit wie eine weitere Heimat anfühlt. Wie lange ist das nun her?
Zu Hause steht meine Mitbewohnerin Kopf.
Das Kokon der farblosen Jahre bekommt Risse. Ich habe vielleicht zu lange gewartet.